Benjamin Girstmair empfiehlt: Tag 20 – Nervenkrieg

Zufallszitat des Tages: Regal Strind bis Z, drittes Regalbrett von oben, achtzigstes Buch von rechts, S. 134: „Einmal griff eine kalte Hand nach ihrem Fuß, seitdem ist der Fuß steif geworden und steif geblieben.“
 
Ich habe nun, da meine Kollegin auch heute wieder (ungleich schwungvoller und mit gesunden Füßen) ihr Rad durch die Straßen steuert, endlich Gelegenheit, etwas zu teilen, was ich schon recht lange Zeit mit wachsendem Erstaunen beobachte. Es handelt sich um eine Variante des klassischen Kampfes „Mensch gegen Maschine“, als dessen Chronist ich nun diene. .
Nun, es ist so: Unser Drucker erledigt brav und prompt verschiedenste Wünsche, das gelegentliche Murren aufgrund Tintendursts ausgenommen. Er scannt, kopiert und druckt wortwörtlich und einspruchslos ab, womit man ihn füttert. Es sei denn, man ist meine Kollegin. Dann wird gestreikt, ausgespuckt, gestaut und gepiept.
Es ist mir unverständlich weshalb dies so ist, meine gutgemeinten anfänglichen Erklärungen zur Zähmung spare ich mir seit langem, da ich einsehe, dass wir die Grenze des Logischen schon weit überschritten haben. Das müssen sie unter sich klären. Ich beobachtete mittlerweile mehrere Stadien: Anfänglich konnte sie es noch mit Humor nehmen, der Running-Gag wurde aber bald bitterer Ernst, entwickelte er sich doch nach wüsten, aber verständlichen Drohgebärden allmählich zu einer heroischen Schlacht, bei der bittere Opfer auf beiden Seiten in Kauf genommen wurden, um sich am Ende mit dem Siegerkranz zu schmücken. Nach mehreren spektakulären Niederlagen wurde listig auf Freundlichkeit umgestellt – eine psychologisch sehr riskante Technik, verlangt der Honig für den Feind doch zum einen eine nicht geringe Menge an Willensstärke, zum anderen ist der Einsatz mit Stolz, Selbstbewusstsein und Selbstachtung kein geringer. Ich sah alles davon bröckeln, meine Versuche einzuschreiten waren vergeblich. Ich wünschte, ich könnte diese zitternden tintenbefleckten Finger, die manischen Augen voller Furcht, Tränen und Scham vergessen, ich wünschte, ich hätte etwas tun können…
Mittlerweile scheint es, als hätte sie den braven Drucker als Herren und Meister akzeptiert. Er gibt und nimmt, wie es ihm gefällt, wenn etwas zufällig (und sehr selten) läuft wie geplant, wird es unterwürfigst dankend empfangen und der edle Spender gepriesen wie Echnaton. Ob dies nur eine weitere Strategie ist oder dieser Krieg nun, nach Jahren (!) entschieden ist, ich weiß es wirklich nicht.
Als neutraler Beobachter schien es meine Pflicht zu sein, obgleich derartige Geschichten wohl schon vielfach erzählt wurden, diesen beiden Helden des Alltags ein Denkmal zu setzen. Möge der/die Siegerreiche gottgleich aus dem Kampf hervortreten, möge man der/dem Besiegte(n) mit allen Ehren begegnen.
 
Mit einer Träne der Rührung, dass gerade ich dies alles bezeugen darf, verabschiede ich mich für heute. Melde mich morgen weder, vielleicht mit Bodenständigerem, wer weiß? Ich jedenfalls nicht.
Meine Verehrung sei euch sicher.
Gez.: Uh-Ah
 
 
Im Bild: Das geifernde Maul des Biestes für die eine(n), ein braver Drucker für die anderen.