Benjamin Girstmair empfiehlt: Tag 16 – Mysterien

Zufallszitat des Tages: Regal Strind bis Z, Regalbrett drei von unten, achtzigstes Buch von rechts, S. 158: „Der Raum hat keine Ausdehnung, nur die räumlichen Gegenstände sind ausgedehnt, aber die Unendlichkeit ist eine Eigenschaft des Raumes.“

Diese Unendlichkeit zeigte sich unter anderem beim Aufschließen der Buchhandlung. Heute schien wieder gestern zu sein, denn dort, wo die Buchlieferung sein sollte, gähnte die Leere. Zeit zum ersten Mal an diesem Tage zwischen Verzweiflung und Unglauben laut schimpfend herum zu stielzen. Dass einige Zeit später doch noch ofenwarmes Buchwerk geliefert wurde, ist ein ein unerwarteter Segen, aber nur der Beginn des Mysteriums. Viel später, am Nachmittag, erreichte mich ein Anruf der Versender, voll von Entschuldigungen und Versprechungen im Namen der Spediteure, dass die Lieferung morgen käme. Nicht nur, dass unklar ist, welche Lieferung denn nun gemeint ist, nein, auch die Aussage, dass an den letzten beiden Tagen nicht zugestellt werden konnte, weil hier geschlossen war, stellte mich und die Dame am Telefon vor ein weiteres Rätsel. Die Spediteure haben nämlich einen Schlüssel. Hmm. Dies lässt zweierlei Schlüsse zu:
Entweder es gibt hier nun irgendwo eine Art weiße Schatten-Haymon-Buchhandlung, unser genaues Gegenteil, deren Bücher ich versehentlich bekommen habe, oder ich habe heute gar nichts bekommen. Aber was habe ich dann heute ausgeliefert? Wer waren all die Menschen? So oder so: verstörend! Unendlicher Raum …

Das Verpacken fing demnach verspätet an und wieder schlug der Knüppel des Schicksals gnadenlos zu. Dass hier, ganz ohne mein Zutun, Dinge verschwinden habe ich ja schon mal erwähnt. Da es heute plötzlich meine moderne Packbandhalterung mit Schneidevorrichtung war, erwähne ich es nochmal. Minuten des Suchens an Orten, die sich niemand vorzustellen wagt, verstrichen erfolglos. Grund ein zweites mal zwischen Verzweiflung und Unglauben laut schimpfend herum zu stielzen. Aber ich kenne das, weiß, was in solchen Situationen zu tun ist. Ich verließ also die Buchhandlung, damit sich die Dinge gefälligst wieder ordnen können, und führte ein kurzes Gespräch mit dem Herren, der mich wohl durch das Schaufenster beobachtet hatte, nicht ahnend welches heroischen Kampfes mit dem Nichts er Zeuge war. Ein paar Minuten später kehrte ich, nun betont nicht mehr suchend, wieder zurück „hinein“, und siehe da: An einem Ort irgendwo um der in der Kasse, von dem man eigentlich nicht weiß, dass er existieren kann, lag das Abgängige, mit niedergeschlagenen Augen, schuldbewusst. Es gab sich schlussendlich geschlagen.

Mir scheint nun, es scheint sich ein Thema zu entwickeln, was sich durch das heutige „Zufalls“zitat bestätigt. Der Mensch gegen das Undenkbare. Eigentlich müsste ich mich und alles andere unter Anführungszeichen setzen. Ich wusste, es würde so kommen. Gut, wir spielen.
Ein wenig umnachteter im Geiste als sonst, wünsche ich euch zumindest ein wenig Ruhe. Ich bleibe wachsam. Bis bald!

Bild: Ein einheimischer Vogel, den ich trotz etlicher Bitten nicht hineinlassen durfte. Sein Klopfen hat mich mindestens so erschreckt, wie der Herr, der kürzlich erst im letzten Moment vor unserer Türe abgebremst hat, als er wie selbstverständlich versuchte hineinzugehen. Er verschwand so schnell wie er gekommen war.